Der heutige Naturspaziergang führte uns in luftige Höhen. Rund 50 Personen liessen es sich nicht nehmen, trotz schwülwarmen Temperaturen unter dem warmen Dach des Grossmünsters zu den beiden Türmen hinaufzusteigen. Bereits am Treffpunkt beim Architekturmodell waren die trillernden Rufe der Alpensegler vom Himmel herab zu hören. Begrüsst wurden die NaturspaziergängerInnen von Dorothee Häberling, Verena Steinmann und Iris Scholl. Die Biologin und Verhaltensforscherin Iris Scholl kümmert sich schon seit anfangs der Neunziger-Jahre um die Vögel am Grossmünster im Speziellen um die Dohlen, Mauer- und Alpensegler.

 Ein Glück war, dass Kantonsbaumeister Hans Wiesmann bei der Renovation der Grossmünstertürme im Jahr 1936 Nisthöhlen einbauen liess für Hausperlinge, Meisen, Fledermäuse aber auch für Dohlen. Insgesamt 36 Nisthöhlen wurden alleine für die Dohlen eingebaut! Und in den 1940-er-Jahren waren diese auch voll belegt. Das sieht heute ganz anders aus. Die Bruten der Dohlen sind im Sinken begriffen. In diesem Jahr konnten gerade mal fünf erfolgreiche Bruten am Grossmünster gezählt werden. Die Gründe liegen vor allem am fehlenden Nahrungsangebot. Auch gelang es leider nicht, die in der Kuppel vorgesehenen Nistkästen für die Wasserfledermäuse zu besetzen; dort nisten Tauben, die gerne mal 40 kg Kot pro Saison produzieren.

Eine Erfolgsgeschichte ist die der Alpensegler. Eine Kolonie nistet im Fraumünster hinter dem Zifferblatt und nachdem sie mittels abgespielten Rufen angelockt wurden auch im Grossmünster. Nun nisten neben den Tauben, Haussperlingen und Meisen im Nordturm auch Alpensegler und im Südturm – dem Karlsturm – Mauersegler und Dohlen. Das Grossmünster bietet mehrere Appartements und sogar einige Lofts für Vögel.

 Zürich beherbergt an 160 Brutstandorten einen grossen Teil der Alpensegler. In der gesamten Schweiz gibt es rund 2000 Brutpaare, im Grossmünster finden sich ganze 22 Brutpaare. Und tatsächlich: Hinter den Schallbrettern am Glockenturm konnten die Nester mit den jungen Alpensegler besichtigt werden, die mit ihren Bettelrufen nach Nahrung verlangten. Bis anfangs August müssen sie noch heranwachsen, um sich dann in die Lüfte zu erheben, wo sie fast ihr ganzes Leben verbringen werden. Sie haben für ihren Ausflug nur eine Chance: Gleich beim ersten Sprung in den Himmel muss das Fliegen gelingen, muss die Nahrung selbständig aufgenommen und der Weg nach Afrika gefunden werden. Eine enorme Leistung. Fallen sie herunter auf den Boden oder bleiben sie bspw. in einer Dachrinne hängen, kann ihnen nur noch eine helfende Hand zu einem Leben in der Luft verhelfen. Das Leben der Segler ist überhaupt staunenswert. Alles geschieht in der Luft: Der Schlaf, die Nahrungsaufnahme, die Reproduktion. Mit ihren langen sichelförmigen Flügeln sind die Alpensegler dafür auch bestens gerüstet. Im akrobatischen schnellen Flug demonstrierten sie – für uns auf den Türmen stehend für einmal auf Augenhöhe – ihr Können. Laut trillernd, mit wendigen Manövern und wahnwitzigem Tempo flogen sie um die Türme, nur kurz an der Wand absetzend, um die Jungen zu füttern. Es war ein heiteres Schauen und bei manchem kam der Wunsch auf auch einmal selbst dem Sonnenuntergang entgegen zu fliegen. Viel Wissenswertes wurde im Turmzimmer von den Leiterinnen mittels Graphiken, Präparaten und viel Fachwissen den NaturspaziergängerInnen vermittelt.

Segler bilden eine eigene Familie und sind nicht verwandt mit den Schwalben. In der Schweiz gibt es drei Seglerarten, wovon der Fahlsegler selten ist. Eine Kolonie von Fahlsegler ist in Locarno zu beobachten. Der Mauersegler und der Alpensegler ist in der ganzen Schweiz, vor allem im Mittelland, zu bewundern. Die munteren sri-sri-Rufe der Mauersegler gehören zum Sommer wie das heisse Wetter. Und in Zürich gehören zusätzlich die Triller der Alpensegler dazu. Er bewohnt eigentlich Felsenlandschaften, vor allem in südlichen Alpentälern, ist aber neben dem Jura auch in grösseren Ortschaften im Mittelland und Südtessin anzutreffen. Im Gegensatz zum Mauersegler wirkt er kräftig, sein Gewicht ist etwa 80 - 120 g. Die Spannweite seiner Flügel beträgt 54 - 60 cm, die Länge des Körpers misst 20 - 23 cm. Auffällig neben seinen trillernden Rufreihen ist der weisse Bauch und die weisse Kehle.

Am Schluss offerierte der NVV Höngg ein Glas kühle Apfelschorle. So erfrischt, genossen die NaturspaziergängerInnen den Sonnenuntergang und erfreuten sich an den Trillern und Flugmanövern der Alpensegler, bevor mit der aufziehenden Nacht der Abstieg in Angriff genommen wurde. Auf den nächsten Spaziergang darf man wie immer gespannt sein: Er führt uns zu den Fledermäusen an der Limmat.

Denise Thoma (Text), Dorothee Häberling (Fotos)

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