Es gibt wilde Geschichten über Fledermäuse. So erzählte man sich früher, sie seien Blutsauger, die sich gern in den Haaren von Vorbeigehenden verheddern. Sie seien blind, halb Vogel und halb Maus oder Kröten, die fliegen. Das glaubt heute niemand mehr, aber was weiss man eigentlich über die nächtlichen Flugjäger?

 

Die vielen Interessierten an diesem schönen spätsommerlichen Abend bekamen von der Fledermausschutz-Beauftragten des Kantons Zürich Karin Safi Widmer neben elektronischen Fledermausdetektoren eine Fülle von Informationen über das spannende Thema.

Zum Beispiel, dass das älteste bekannte Fledermausskelett 60 Millionen Jahre alt ist. Zwei Hauptgründe gibt es für den evolutionären Erfolg von Fledermäusen. Zum einen ihr Flugvermögen. Als einzige Säugetiere können sie aktiv fliegen und besetzen damit eine ökologische Nische. In der Luft befinden sie sich zwar noch in Konkurrenz mit den Vögeln, diese schalten sie aber durch ihre nächtliche Jagdweise aus. Viele Insekten schlüpfen in der Nacht; Fledermäuse lieben natürlich Nachtfalter.

Zum zweiten ihr Orientierungsvermögen. Sie sind fähig, ihr Abendessen bei absoluter Dunkelheit zu fangen. Das geschieht durch unaufhörliche Schreie im Ultraschallbereich, die von der Beute wie ein Echo zurückgeworfen und im Fledermaushirn blitzschnell in Entfernungen umgerechnet werden.

Dabei gibt es verschiedene Strategien. Das langsamer fliegende Braune Langohr stösst hohe Schreie aus, die zwar nur fünf bis zehn Meter reichen, dafür eine hohe Auflösung haben und den Ort, wo sich die Beute befindet, genau angeben. Der Grosse Abendsegler dagegen, der mit einer Geschwindigkeit von 50 km/h hoch am Himmel jagt, ruft viel tiefer in einer Frequenz von 20 kHz, die bis zu 50 Meter reicht, aber nicht so genau ist. Passt aber gut zu seinen Beutetieren: tanzende grosse Gruppen von Zuckmücken. Fledermäuse fliegen mit den Armen, Mittelhand- und Fingerknochen, die im Vergleich zum Menschen sehr langgestreckt sind. Ihre Knochen sind ausserordentlich dünn, so wird Gewicht gespart.

Von 1000 Fledermausarten weltweit und 30 Arten in der Schweiz tummeln sich gleich mehrere über der Werdinsel, dem «besten Beobachtungsstandpunkt überhaupt im ganzen Kanton Zürich». Und richtig: kurz nach Sonnenuntergang tauchte der schon erwähnte Grosse Abendsegler auf. Mit 40 cm Flügelspannweite ist er die grösste Fledermausart der Schweiz. 300 Abendsegler wohnen im Hohlraum eines Faulturms, der zum Klärwerk Werdhölzli gehört. Dort ruhen sie tagsüber und verbringen viel Zeit mit Körperpflege. In zwei Jahren soll der Turm abgerissen werden. Das ist schade, denn wie fast alle Fledermausarten ist auch der Grosse Abendsegler bedroht. Ersatzkästen werden nach und nach in der Umgebung angebracht und hoffentlich angenommen. Zurzeit balzen die Männchen mit hohen Rufen im hörbaren Bereich um die Weibchen, die gerade aus ihrem Sommerquartier im hohen Norden ankommen. Nach der Paarung speichert das Weibchen die Spermien fünf Monate lang während des Winterschlafs, um dann Ende April bis Anfang Mai 1000 km in den Nordosten Europas an die gedeckten Insektentische zu fliegen. Dort ziehen sie die Jungen auf. Das geschieht in Kolonien, damit die Jungen, die bei der Geburt nur so gross wie Hummeln sind, nicht auskühlen, wenn die Mutter zur Nahrungssuche ausfliegt. Soziale Thermoregulation nennt man das.

Mit zunehmender Dunkelheit konnte man jetzt auch die nächste Fledermausart, die Zwergfledermaus, entdecken. Sie hat eine Flügelspannweite von 20 cm und wiegt nur soviel wie ein Stück Würfelzucker, fünf Gramm. Sie ist die am wenigsten bedrohte Art und jagt gern unter Bäumen. Dort staut sich die Luft und es gibt viele Insekten. Die Zwergfledermäuse flogen sichtlich tiefer als die Abendsegler, bemerkten die Beobachtenden sozusagen im letzten Moment und machten einen deutlichen Knick, um ihnen auszuweichen.

Eine ähnlich kleine Art wie die Zwergfledermaus ist die Weissrandfledermaus, die mehr und mehr nördlich der Alpen auftaucht. Als wärmeliebende Art profitiert sie von der Klimaerwärmung und ist auch in der Stadt Zürich immer häufiger zu sehen.

Am Ende des Spaziergangs sah man im Lichtkegel der Taschenlampe ein paar wenige Exemplare der letzten Art, der Wasserfledermaus, die aus ihren Baumhöhlen im Hönggerwald den Bombach heruntergekommen waren. Die Wasserfledermaus hat eine Flügelspannweite von 30 cm und jagt dicht über der Wasserfläche nach Insekten, zum Beispiel schlüpfende Köcherfliegen. Sie sperrt das Maul im Flug nicht weit auf wie die andern Arten, sondern fängt ihre Beute mit der Schwanzhaut, mit der sie einen Kescher bildet und aus dem sie frisst. Pro Abend macht sie 5000 Anflüge und frisst dabei bis zu 3000 Mücken.

Übrigens: Fledermäuse rufen sehr laut. Ein Grosser Abendsegler erreicht eine Lautstärke von über 100 Dezibel, was einem Pressluftbohrer entspricht. Jedoch schwächt sich Ultraschall sehr viel schneller ab als Schall im hörbaren Bereich. Viele kleine um die Spazierenden herumschwirrende Pressluftbohrer? Das wäre dann doch wieder eine wilde Geschichte.

Pia Schad

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