Naturspaziergang - Sonntag 1.12.2019

Leitung: Verena Steinmann, Claudia Rhiner, Pia Schad.

Sein Revier im Griff haben

Bei kühlen Temperaturen versammelte sich am ersten Advent eine frohgemute Teilnehmerschar (36 Erwachsene und 4 Kinder) zum Naturspaziergang im Höngger Quartier Rütihof.

Ohne grosse Anwärmphase ging es gleich zur Sache: Verena Steinmann führte kompetent und facettenreich durch die Zeitläufe dieses Grenzquartiers der Stadt Zürich. Das heutige Gesicht dieses Ortes zeigt einem hinter der Endstation des 46ers noch einige schöne Plätzchen und Gebäude, bei denen man erahnt, dass einige Jahrhunderte Geschichte darin stecken.

Die Strassen- und Wegenamen zeigen deutlich, dass hier eine Familie Geering über eine lange Zeit hinweg eine besondere Rolle gespielt und ihr Revier im Griff gehabt haben muss, als Bebauer des Ackerlandes, Holzbewirtschafter, Selbstversorger. Aus einem Bericht des 19. Jahrhunderts vernehmen wir, dass die (v.a. männlichen) Leute aus dem Rütihof als «naturhafte, knorrige Rasse» oder auch «landsknechtmässig, kraftvolle Naturburschen» galten. Ihren damaligen Ruf hatten sie sich wohl hart erarbeitet – «fluchen können wie ein Rütihofer» galt den Umliegenden als höchste Kunst dieser Menschen.

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Im Jahr 1739 wohnten nur Geerings hier. Heute leben 4’000 Personen im Rütihof. Seit der Eingemeindung 1934 in die Stadt Zürich ist das Quartier stetig gewachsen. Seit den 1980er Jahren gibt es die grossen Überbauungen.

Nun gelangten wir auf den Naturteil des Spaziergangs. In der Folge erfuhren wir ebenso kompetent und ausführlich von Claudia Rhiner und Pia Schad, wer die umliegenden Fluren, Wege und Waldränder aus vogelkundlicher Sicht seit jeher «mitbewirtschaftet» - die allesfressenden Rabenvögel, also Elstern, Eichelhäher, die Rabenkrähen und zunehmend auch Saatkrähen. Natürlich gibt es noch weitere Exemplare der Rabenvögel – zum Beispiel den Tannenhäher in den Bergen, der 80% seiner versteckten Nahrung wiederfindet, da kann sich der «vergessliche» Eichelhäher mal eine Scheibe abschneiden. Oder auch der listige Kolkrabe, der Lämmer am Schwanz zieht, damit sie koten und somit Insekten anziehen, die er dann fressen kann. Das wurde ihm früher als Raub der Lämmer ausgelegt, aber zum Thema Image-Wandel kommen wir später noch.

Die Rabenkrähe also: da gibt es viele Geschichten drum herum, einzelne Spaziergänger hatten die eine oder andere zu erzählen. Diese Vögel haben ihr Revier im Griff, man merkt das beim Füttern in der kalten Jahreszeit, wenn sie sich über Jahre hinweg genau an Ort und Zeitpunkt erinnern, wo Futter liegt oder hingeworfen wird. Sie haben auch Mittel und Wege, wie z.B. Erdnüsse aus ihrer Schale zu knacken sind. Sie erkennen Personen, ob die nun im Trainings- oder Businessanzug daherkommen, und fordern von ihnen das, was sie einmal zuvor bekommen hatten. Dass sie aber dem Fuchs ein Stück Käse überlassen, nur um ihrem Ruf als grösster Singvogel gerecht zu werden, schreiben wir der Erfindungskraft der Märchenschreiber zu.

Überhaupt beflügelten diese Vögel über lange Zeit hinweg die Fantasie der Menschen. Schön wurde herausgearbeitet, dass es grundsätzlich zwei unterschiedliche Haltungen der Menschen gab. In früherer Zeit – z.B. bei den Römern und Germanen – galten die Rabenvögel etwas. Die Auguren richteten sich in ihrer Interpretation der Gegenwart nach Verhaltensweisen der Raben, die Germanen verehrten sie als weise Ratgeber an der Seite von Göttern.

Mit der Christianisierung setzte dann, als eine Art Abgrenzungsmechanismus gegen alles Heidnische, die Verteufelung dieser Tiere durch. Nun galten sie wenig und wurden geschmäht.

Heutzutage verfolgen wir lieber die Art ihres Fluges, um herauszufinden, ob es eine Rabenkrähe ist, die vor uns durchflattert, oder gar ein selten gesichteter Kolkrabe, der mit nur wenigen Flügelschlägen über Felder gleitet. Spannend zu wissen ist auch, dass sich Rabenkrähen selbst an ihren Augen und für das Menschenohr nur minimal hörbaren Modulationen ihrer Stimme erkennen.

Rabenkrähen sind auch Nesträuber, seit Jahrmillionen. Aber es gibt heute nicht weniger Singvögel in Siedlungen wegen der Rabenkrähen, das hat andere Gründe - Nahrungsmangel, Fressfeinde wie Katzen, Urbanisierung, die falsche Art Gärten ... Im Kulturland Schweiz finden Saatkrähen zu wenig Nahrung und suchen deshalb auch mehr und mehr in den Siedlungen nach für sie Verwertbarem.

Heute, an diesem Naturspaziergang voller interessanter Details zu diesen Vögeln, sichteten wir live vielleicht ein oder zwei Exemplare, mehr nicht. Hatten sie sich vielleicht über die Stärkung hergemacht, die in einer Waldlichtung zum Abschluss für die hungrige und etwas durchgefrorene Spaziergängerschar bereitgestellt war?

Nein, ungestört konnten wir den ausgeschenkten warmen Tee, den feinen Kuchen und die Zimetstärnguetzli geniessen – herzlichen Dank!

Text und Bilder: Roman Schad.

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