Naturspaziergang, Sonntag 22.11.2020

Eine ansehnliche Schar von rund 50 Personen jeden Alters versammelte sich am kühlen, aber sonnigen Sonntagnachmittag auf dem Hönggerberg, um anlässlich des Naturspaziergangs mehr zur Fütterung derjenigen Vögel zu erfahren, welche uns im Winter Gesellschaft leisten.

In vier Gruppen aufgeteilt schlenderten die natur- und vogelinteressierten Leute durch den Mischwald des Hönggerbergs, von den fachkundigen Leiterinnen an verschiedene Posten geführt, an denen dann näher auf das Thema und auf die vielen Rückfragen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen eingegangen wurde. Roman 1

P1160549 kWas man vorwegnehmen kann: das Thema der Vogelfütterung bewegt die Leute. Über die Jahrzehnte hinweg hat sich in Fachkreisen keine ganz kohärente Haltung dazu herausgebildet, wie man richtig in der warmen und der kalten Jahreszeit füttert. Dass überhaupt gefüttert werden soll, scheint manchmal auch dem Bewirtschaften eines schlechten Gewissens geschuldet gewesen zu sein; wir Menschen schaden der Natur zunehmend, also müssen wir ihr auch etwas zurückgeben. Und dann füttert man eben auch die Vögel. Aber wie man das artgerecht macht, das hat über die Zeit doch den einen oder anderen Wandel durch Erkenntnis erbracht. In den 70er und 80er Jahren wurde viel Geld ausgegeben für die ganzjährige Fütterung, um die Überlebenschancen bzw. den Bruterfolg durch nachhaltige Energieaufnahme zu verbessern. Erst mit der Zeit aber entstand das Bewusstsein für die negativen Aspekte wie problematische Nahrungszusammensetzung, falsche Nahrung zur falschen Zeit, Aufbau von Fütterungsstellen (Vermeidung der Übertragung von Krankheiten!) etc.

Heute favorisiert man als aufgeschlossener und problembewusster Zeitgenosse den naturnahen Garten, in dem die verschiedenen Vogelarten ihre adäquate Nahrung finden können, und nicht den Ziergarten aus lauter Steinen. Man lässt den Vögeln in Familiengärten (Schrebergärten) die Nahrungsquellen aus z.B. den Samen der Ringelblume, die Kerne der verblühten Sonnenblume für die verschiedenen Meisen, die Eicheln für den gleichnamigen Häher.

Eva 6 kIm Winter kommt man weg von der Haltung, alle Vögel durchzufüttern. Heute wird in der kalten Jahreszeit gefüttert mit dem Fokus auf das Naturerlebnis, und nicht mehr, weil dies essentiell für das Überleben der Vögel wäre oder weil man besondere Vogelarten schützen möchte. Und man differenziert: Soll wegen des zunehmenden Insektensterbens nicht doch ganzjährig gefüttert werden? Ja, aber dann eher mit Mehlwürmern als mit getreidelastigem und fetthaltigem Futter.

Eva 11 kAuch wir Menschen (sollten) ja wissen, dass zu fetthaltige Nahrung Folgen hat. Bei den Vögeln kann solche unpassende Nahrung zu bis zu 50% weniger Eier im Frühjahr führen, und der noch schlüpfende Nachwuchs ist dann genauso übergewichtig wie der menschliche. Wir lernten auch, dass Essensreste oder Brot keine guten Ideen für die Fütterung von Vögeln sind; letzteres füllt zwar den Bauch, aber wegen der Nährstoffarmut bleibt das Fazit: voller Magen für nichts.

Gerade auf Balkonen in Siedlungsgebieten kann es bei entsprechendem Futterangebot hoch zu und her gehen. Da gewinnt dann ein weiterer Aspekt an Wichtigkeit: Bei Gedränge steigt die Gefahr der Übertragungen von Krankheiten, weil sich Vögel – da die Nahrung zu einfach erreicht werden kann – in einem Vogelhäuschen oder einer Einrichtung in den Körnern suhlen, ihr Geschäft verrichten und der nächste Vogel dann … breiten wir den Mantel des Schweigens über diesem Bild aus.

Roman 2P1160515 kWie man dem entgegnen kann, zeigt dieses Beispiel: Es zeigt ein Vogelhäuschen, das aus Abfallmaterialien gefertigt wurde. Das Vordach dient dem Trockenhalten der Nahrung, und die Öffnung ist zu klein, als dass sich kaum mehr als eine Blaumeise oder ein Haussperling hineinbegeben kann.

Rechts ein hausgemachter Futterknödel: Föhrenzapfen mit Schweineschmalz und Vogelfutter gefüllt.

Zuletzt noch ein paar Worte zum Eichelhäher, auf den man mehrmals zu sprechen kam. An einem früheren Naturspaz war dieser elegante Rabenvogel schon Thema, wegen seiner Intelligenz, mit der er alle seine Wintervorratsverstecke memoriert. Heute lernten wir noch Folgendes dazu: Er kann bis zu zehn Eicheln gleichzeitig in seinem Kehlsack transportieren, er sucht die Eicheln VOR dem Laubfall, er sammelt eine riesige Anzahl davon in kurzer Zeit. Raubt ihm ein Artgenosse einen Vorrat aus einem seiner Verstecke und sieht er das, so verfolgt er den Räuber und stibitzt ihm die Ware wieder zurück. Kein Wunder, nennt man diesen Detektiv auch den «Polizisten» des Waldes: hören die anderen Vögel sein schauerlich Gekrächze, so wissen sie, dass sie aufmerksam sein müssen.

Roman Schad (Text), Fotos Roman Schad, Eva Ott, Dorothee Häberling

Go to top